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Wie Sie in 4 einfachen Schritten die Herzen Ihrer Mitarbeiter öffnen

oder: “Wenigstens danke hätte er sagen könn ...!”

Hallo, liebe Leserinnen und Leser.

Heute möchte ich mit Euch und Ihnen über ein Thema sprechen, das mir selber extrem am Herzen liegt. Ich erlebe immer wieder, wie einfach es für mich ist, als Coach mit sogenannten „schwierigen“ Mitarbeitern zu reden, ehrliche und vernünftige Auskünfte zu erhalten und verbindliche Regelungen zu vereinbaren. Was genau ist also an diesen Mitarbeitern „schwierig“? Oder anders gefragt: wie müsste man mit diesen Personen umgehen, sodass die Kommunikation mit ihnen gelingt?

Dafür gibt es für mich ein paar einfache Grundregeln:

  1. Selber echt sein (Authentizität)
  2. Die andere Person nicht bewerten (verurteilen), sondern bedingungslos akzeptieren. Menschen spüren, ob sie vom Zuhörenden verurteilt werden und verschließen sich dann!
  3. Sich in die andere Person hinein zu versetzen (Empathie)

Dies sind die Kern-Elemente des Personzentrierten Beratungs- und Therapieansatzes von Carl Rogers – und sie funktionieren unglaublich gut.

Im Laufe der Jahre habe ich zwei weitere persönliche Grundhaltungen für mich entdeckt, die mir geholfen haben, im Berufsleben und privat noch konstruktivere, erfüllendere Beziehungen zu gestalten:

Wertschätzung und Achtsamkeit.

In diesem Blog-Beitrag soll es um Wertschätzung gehen. Für mich ist Wertschätzung der Schlüssel, um die Herzen der Menschen, mit denen wir Kontakt haben, zu öffnen, damit wir uns als gleichwertige Partner begegnen können.

Doch lesen Sie selbst 🙂

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Ich wähle in diesen eBook im weiteren Verlauf bewusst die männlichen Wortendungen, obwohl ich das unglücklich finde, weil ich die Leserinnen und die weiblichen Akteure, die in diesem Beitrag auftreten, sehr schätze! Aber alles andere führt zu Umständlichkeiten, sorry.


Die Wertschätzungsdusche

Werner P. (Name geändert) steht kurz vor seiner Pensionierung und ist (trotzdem noch) Teilnehmer eines Workshops zum Thema „Gelingende Kommunikation und Zusammenarbeit“. Er steht in der Mitte des Raumes und im Kreis um ihn herum stehen fünf Teilnehmer des Workshops, alles Kollegen aus demselben Unternehmen. Die Aufgabe ist klar definiert: „Bitte sagen Sie Herrn P., welches Verhalten von Herrn P. Sie beobachtet haben, dass Sie selbst als wertvoll erlebt haben. Was hat er gesagt oder getan, wodurch er Ihr Wohlbefinden oder Ihr Lernen hier im Workshop gefördert oder Sie in irgendeiner Form in anderen gemeinsamen Arbeitssituationen positiv unterstützt hat?“

Zunächst ist es eine etwas angespannte Situation. Werner P. fühlt sich etwas mulmig, weiß nicht, was auf ihn zukommt. Und die anderen Teilnehmer sind sich unsicher, was sie sagen sollen. Schließlich sind wir es nicht gewohnt, uns gegenseitig mitzuteilen, was uns am anderen oder seinem Verhalten gefällt. „Nicht geschimpft ist gelobt genug!“ Man glaubt ja gar nicht, wie sehr dieser Glaubenssatz immer noch in den Köpfen der Menschen herumspukt.

Dann fängt der erste Teilnehmer an. „Also, Herr P., wir kennen uns ja bereits seit vielen Jahren. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie immer ansprechbar sind, wenn ich ein Problem mit der Anwendung von diesen neuen Projektmanagement-Werkzeugen habe. Sie haben immer ein offenes Ohr und nehmen sich die Zeit, mir in Ruhe alles zu erklären, bis ich es wirklich verstanden habe. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, weil ich ohne Ihre Unterstützung nicht weiter käme oder eine Menge mehr eigene Arbeit investieren müsste, bis ich das Thema verstanden habe. Dafür vielen Dank!“

Werner P. ist sichtlich berührt, dass etwas, was er für selbstverständlich hält, von anderen so positiv wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Doch sagen soll er nichts, einfach hören, genießen und tiefer in sich aufnehmen, was für ihn stimmig ist. Dann kommt die zweite Person aus dem Kreis an die Reihe. Schließlich haben alle ihre Wertschätzung für Werner P. geäußert, entweder auf sein Verhalten im Workshop oder auf andere gemeinsame Arbeitssituationen bezogen. Und jetzt kommt der Teil, der mir wohl ein Leben lang in Erinnerung bleiben wird:

Plötzlich reißt Werner P. die Arme hoch, er dreht sich im Kreis und ruft: „Ich werde wertgeschätzt! Ich werde wertgeschätzt … Auf dieses Feedback habe ich jetzt über 40 Jahre lang gewartet!“

 

Gute Mitarbeiter gehen wegen fehlender Wertschätzung

Gut für den Arbeitgeber und seine Kollegen (und ich für die Kunden), dass Werner P. so ausdauernd, genügsam und geduldig ist. Denn er wird als Mitarbeiter von der Firma sehr geschätzt. Und die allermeisten guten Mitarbeiter, die von sich aus kündigen, obwohl die Firma sie gerne behalten würde, kündigen wegen fehlender Anerkennung für ihren persönlichen Beitrag. In Amerika ist fehlende Wertschätzung der wichtigste Kündigungsgrund, in Deutschland sind es fehlende Wertschätzung und fehlende Entwicklungsmöglichkeiten.

Was machen wir also falsch? Wir sehen gute Leistung als selbstverständlich an. Dass muss man doch nicht besonders betonen, wenn einer gute Leistung bringt, dafür wird er doch bezahlt. Wir verhalten uns genauso wie der Bauer in der Fernsehsendung „Bauer sucht Frau“, der bei der Eheschließung zu seiner Frau sagt hat: „Ich liebe dich. Wenn sich in den nächsten 50 Jahren etwas daran ändert, sage ich es dir.“

Jeder Mensch sehnt sich nach positiver Beachtung, egal ob er dies zugibt oder nicht. Ansonsten wäre die hohe Wirksamkeit von geäußerter Wertschätzung ich erklärbar. Natürlich soll nur das positiv hervorgehoben werden, was auch ehrlich als wertvoll erlebt wird. Dabei kann Wertschätzung sprachlich, körper-sprachlich oder durch andere Verhaltensweisen ausgedrückt werden.

Haltung ist wichtiger als Methode

Wichtiger als der Ausdruck ist die innere Haltung des Gebers (oder der Geberin). Wenn Sie mal in sich gehen: Was fällt Ihnen auf Anhieb pro Mitarbeiter oder Kollege oder Chef in ihrem Arbeitsbereich ein, was diese in irgendeiner Form gesagt oder getan haben, dass ihnen geholfen hat? Manchmal muss man ziemlich lange nachdenken … weil den meisten von uns schneller und deutlicher auffällt, wenn jemand etwas macht, was wir negativ bewerten. Warum ist das so?

Zum einen hat es etwas mit unserem Gehirn zu tun. Evolutionär gesehen war und ist es ein Überlebensvorteil, wenn wir Gefahren deutlicher wahrnehmen als Chancen. Sonst könnte es das letzte Mal gewesen sein, dass wir einem guten Freund, den wir lange nicht gesehen haben, und der zufällig auf der anderen Straßenseite vorbei geht, freudig entgegen laufen – und dabei den Verkehr auf der Straße zwischen uns übersehen.

Zum anderen hat es einfach etwas mit unserer inneren Einstellung zu tun. Wertschätzung braucht Achtsamkeit.

Ich muss meine Aufmerksamkeit bewusst auf das Positive richten, um es deutlich wahrzunehmen. Wie z. B. im Urlaub. Da fallen mir die schönen Häuser oder Landschaften sehr viel mehr auf als bei der Autofahrt von Ort A nach Ort B zwischen zwei wichtigen Terminen. Weil ich mir die Zeit für die Betrachtung der Natur nehme, weil ich das jetzt gerade ausreichend wichtig nehme.

Es ist ein vollkommen subjektiver Vorgang, was ich im jeweiligen Moment wichtig nehme. Und genau das ist auch die Botschaft, die unsere Mitarbeiter oder Kollegen oder auch unsere Familienangehörigen, Bekannten und Freunde unterschwellig empfangen: ich bin für ihn/sie nicht wichtig genug!

Sie fragen sich vermutlich: wie funktioniert Wertschätzung also?

Wertschätzung als innere Haltung hat zwei Aspekte. Alles, was existiert, hat einen Wert an sich, unabhängig von mir als Person oder meiner Bewertung. Von den ca. 7 Milliarden Menschen, die existieren, liegen mir nur wenige persönlich am Herzen – sind diese deshalb wertlos? Sicher nicht. Denn diese Personen liegen anderen Menschen am Herzen, sind für diese Menschen genauso liebenswert, wie ihre eigene Familie für Sie.

Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, welchen „Wert“ jemand für mich hat. Was meint das genau? Immer, wenn jemand etwas tut, was mir hilft, dass sich ein wichtiges Bedürfnis von mir erfüllt, erlebe ich das als „wertvoll“. Es klingt egoistisch, aber der Wert des Verhaltens der anderen Person für mich entspricht dem Ausmaß meiner eigenen Bedürfniserfüllung durch den Beitrag des anderen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob der andere dies mit der Absicht, mir etwas Gutes zu tun, getan hat oder nicht. Allein die Wirkung zählt.

Um die Altruisten unter uns zu beruhigen: die allermeisten Bedürfnisse, die ich kenne, sind ohnehin soziale Bedürfnisse, keine egoistischen, wie z. B. Verständnis, Akzeptanz, Respekt, Unterstützung, Anerkennung. Alle diese Bedürfnisse brauchen immer zwei oder mehrere Personen, um sich erfüllen zu können. Es braucht einen, er versteht und einen, der verstanden wird; eine, die akzeptiert und eine, die akzeptiert wird, etc.

Immer dann, wenn sich ein wichtiges Bedürfnis erfüllt, löst dies automatisch positive Gefühle aus. Gefühle können als Information darüber, in wieweit wichtige Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind verstanden werden. Interessant, nicht wahr? Gefühle sind Hinweisschilder auf innere Zustände.

Es ist also nur natürlich, wertschätzend

  1. zu beschreiben, was die andere Person beigetragen hat (Beobachtung), sodass
  2. welche Bedürfnisse von Ihnen sich anteilig besser erfüllt haben (erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen) und
  3. welche positiven Gefühle dies bei Ihnen ausgelöst hat (positives Gefühl).
  4. Ein abschließendes „Danke“ rundet die geäußerte Wertschätzung ab. (Danke)

Der Unterschied zwischen Wertschätzung und Lob

Und genau das ist auch schon der Unterschied zwischen Loben und Wertschätzen. Beim Loben stören mich genau drei Dinge:

  1. Loben ist oftmals sehr allgemein
  2. man weiß nicht, warum der Lobende lobt und
  3. Loben bläht das EGO des Gelobten auf

 

Ein Beispiel für Loben

Sagt Herr Bär zu Frau Müller: „Also, Frau Müller, wie Sie das wieder hingekriegt haben … einfach Spitze. Machen Sie weiter so!“ Wenn Sie Frau Müller wären: was wüssten Sie jetzt genau, was Sie positives für Herrn Bär beigetragen haben? Vermutlich nicht sehr viel bis gar nichts. Also würden Sie die Worte von Herrn Bär selber mit Inhalt füllen. Wahrscheinlich hat er gemeint, wie ich den Brief an den Kunden mit der Reklamation formuliert habe … Würden Sie Ihre Vermutung in jedem Fall überprüfen?

Eine Reaktion auf das Lob von Herrn Bär könnte z. B. so aussehen:

„Herr Bär, danke für Ihr Lob, was genau meinen Sie mit „hingekriegt“? Was habe ich Ihrer Meinung nach wie hingekriegt?“

Das würde den eigenen Beitrag, das eigene Verhalten, auf das sich das Lob bezieht, konkretisieren und damit verstehbar machen. Aber reagieren Sie immer so? Reagieren Ihre Mitarbeiter so? Manchmal fragt man schon deshalb nicht weiter nach, um nicht undankbar zu erscheinen oder um zu vermeiden, dass sich am Ende herausstellt, das der eigene Beitrag gar nicht so entscheidend für das Glück des anderen war. Richtig? Dies zur Veranschaulichung, was mich am Loben als erstes stört: Lob ist oftmals viel zu allgemein, um eindeutig verstehbar zu sein.

 

Was will der von mir?

Kommen wir zu Punkt zwei: man weiß nicht, warum der Lobende lobt.

Angenommen, Frau Müller hat eine gute Arbeitsbeziehung zu Herrn Bär, wie würde Sie das Lob wohl aufnehmen? Ich vermute, Sie würde sich freuen, sich innerlich eine sinnvolle Erklärung geben, worauf Herr Bär sich bezieht und sich freuen. So gesehen hätte das Lob sicherlich eine positive Wirkung, nämlich die positive Verstärkung eines gewünschten Verhaltens von Frau Müller. Die Verstärkungswirkung wäre unspezifisch, weil nicht unbedingt das von Herrn Bär gemeinte Verhalten, sondern das von Frau Müller vermutete Verhalten verstärkt würde – aber immerhin. Ich kenne viele Mitarbeiter, die auch schon für ein solches Lob sehr dankbar wären. „Anscheinend habe ich etwas richtig gemacht!“

Angenommen, Frau Müller hat keine so gute Beziehung zu Herrn Bär: wie würde Sie das Lob wohl dann aufnehmen? Welche Wirkung hätte es wohl dann? Ich vermute, Sie könnte denken: „Der ist doch sonst nicht so freundlich – was will der von mir? Soll ich noch mehr Überstunden machen? Oder baggert der mich an? Oder hat er ein schlechtes Gewissen, weil …?“ Welche Wirkung hätte das Lob, wenn Frau Müller aus Misstrauen oder Ungläubigkeit eine negative Deutung vornimmt? Vermutlich eine Verstärkung ihres Misstrauens oder ihrer Ungläubigkeit, oder?

Und genau das stört mich am Loben: es lässt offen, was die Motivation des Lobenden für sein Lob ist. Im günstigen Fall unterstellt der Empfänger eine positive Motivation, im ungünstigen Fall eine negative. Indem der Lobende diese Information nicht „mitliefert“, warum er lobt, öffnet sich der Raum für Spekulation auf Seiten des Empfängers. Warum also dann nicht den Grund mitteilen, warum der Lobende lobt, wie dies beim Wertschätzen gemacht wird: ich freue mich (positives Gefühl), weil du etwas gemacht hat (Beobachtung), was mir gut getan hat (erfülltes Bedürfnis)?

 

Alles Helden, oder was?!

Zu Punkt drei: Loben bläht das EGO des Gelobten auf. Ein Lob schmeichelt! Und es macht ein allgemeine Aussage über den anderen, die nicht überprüfbar ist. Z. B.: „Auf Sie kann man sich immer verlassen!“ Ist der Lobende, der dies sagt, immer dabei? 24 Stunden am Tag? Hat er mal die Kinder oder Ehefrau (den Ehemann) gefragt? Ein solches Lob suggeriert in verallgemeinerter Form: du bist der Beste! Der Größte! Der Klügste! etc. Was machen Sie morgen, wenn die Person sich anders verhält? Wie holen Sie die Person dann wieder sanft von Ihrem Sockel? Das könnte schwierig werden.

Und noch ein Aspekt: als ich  meiner Tochter während einer Autofahrt im Telefonat sagte: „Die Fotodokumentation hast du toll gemacht!“ antwortete sie: “Wie blöd, dann muss ich das ja jetzt immer so machen!“ Was steckt dahinter? Nun, ein Lob verpflichtet. Der Gelobte möchte die positive Beachtung nicht wieder verlieren, muss sich also immer wieder so verhalten, und das kann er nur, wenn er so IST.

Im Gegensatz zum Loben bezieht sich die Wertschätzung nicht auf eine Charaktereigenschaft, sondern auf ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation. Wertschätzung ist ein Danke, für etwas, was gegeben wurde und nicht eine positiv überhöhende Bewertung des Charakters des Gebenden.

Wie Sie Wertschätzen üben und anwenden können

Mitarbeiter, die sich wertgeschätzt fühlen, leisten mehr, sind loyaler, engagierter, weniger krank und haben weniger Unfälle.

Dies ist keine einfache Behauptung, sondern wissenschaftlich belegt. Wertschätzen ist wie ein Goldener Schlüssel zum Herzen ihrer Mitarbeiter. Man sagt nicht umsonst: „Personen heuern bei einer Firma an und verlassen Sie wegen ihrem Vorgesetzten!“

 

Wie benutzen Sie jetzt den Goldenen Schlüssel?

Dafür gibt es zwei Dinge, die Sie üben können:

  1. Entwickeln Sie eine wertschätzende Grundhaltung allen Mitarbeitern (und dem Leben) gegenüber
  2. Wenden Sie die 4 Schritte der Wertschätzung in ihrer Kommunikation an

 

Eine wertschätzende Grundhaltung entwickeln

Um die wertschätzende Grundhaltung zu üben, reicht es, sich immer mal wieder bewusst zumachen, was jemand getan hat, dass ihnen wie gut getan oder geholfen hat – und dies nicht als selbstverständlich zu behandeln. Sie wollen freundliche Mitarbeiter oder Kollegen, doch ich habe noch nie erlebt, dass das irgendwo in einem Arbeitsvertrag stünde.

Sie bekommen jeden Tag unzählige Geschenke.

Denken Sie einfach mal an sich selbst: was haben Sie in den letzten 2 Tagen oder Wochen für andere Menschen getan, wozu sie weder verpflichtet waren noch was sie bezahlt bekommen hätten? Menschen haben ein Grundbedürfnis, anderen Menschen zu helfen, ihr Dasein zu bereichern. Wir wollen das Leid unserer Freunde, Familienmitglieder, Nachbarn, Arbeitskollegen lindern und ihr Glück vermehren. Und das, obwohl wir keine Sozialarbeiter, Priester oder Krankenschwestern sind.

Warum? Weil wir als Menschen eben so sind! Wir sind von Natur aus sozial konstruktiv veranlagt und unser Gehirn hat spezielle Nervenzellen entwickelt (Spiegelneuronen), damit wir wahrnehmen können, wie unsere Mitmenschen sich fühlen und fähig sind, an ihrem Schicksal aktiv Anteil zu nehmen, zumindest gefühlsmäßig.

Am besten machen Sie sich für einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen täglich Notizen, was jemand ihnen Gutes getan hat, absichtlich oder unabsichtlich. Welches eigene Bedürfnis wurde durch welches Verhalten welcher anderen Person besser erfüllt? Das braucht sicherlich etwas Übung, weil uns die eigenen Bedürfnisse oftmals nicht richtig bewusst sind. Sie müssen also lernen, in sich selbst hineinzuhorchen, ihre Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und ebenso deren Erfüllungsgrad wahrzunehmen. Wie sollten Sie sonst feststellen können, wenn sich dort etwas zu ihren Gunsten bewegt hat?

Eine andere gute Übung ist, sich einfach immer mal wieder bewusst zu machen, was es alles gibt, woran sich Ihr Herz erfreut, was nicht selbstverständlicher Weise teil Ihres Lebens ist: die Natur, die Atemluft, die Sonnenstrahlen, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von anderen Mitmenschen. Dinge, auf die wir keinen Anspruch erheben können, auf die wir kein Recht haben, die wir uns nicht verdient haben, die aber dennoch alle unser Leben bereichern.

 

Die 4 Schritte der Wertschätzung praktizieren

Die 4 Schritte der Wertschätzung haben Sie ja schon kennengelernt:

  1. zu beschreiben, was die andere Person beigetragen hat (Beobachtung), sodass
  2. welche Bedürfnisse von Ihnen sich anteilig besser erfüllt haben (erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen) und
  3. welche positiven Gefühle dies bei Ihnen ausgelöst hat (positives Gefühl).
  4. Ein abschließendes „Danke“ rundet die geäußerte Wertschätzung ab. (Danke)

 

Schritt 1: Beobachtung

Sie können zunächst „trocken schwimmen“ üben, indem Sie sich ein Blatt Papier nehmen, den Namen eines Mitarbeiters oder einer anderen Person aufschreiben und dann aufschreiben, WAS diese Person gemacht hat, das welches Bedürfnis erfüllt hat.

Das WAS ist Ihre Beobachtung. „Ich habe beobachtet, dass du …“ Beobachtung ist all das, was Sie mit Ihren fünf Sinnen wahrnehmen können, alles was Sie gesehen, gehört oder gespürt haben …

Versuchen Sie hierbei so konkret wie möglich zu sein, z. B.: „am Montag, da hast du den Müll runtergebracht ohne dass ich dich extra darum geben hatte“ oder „dass Sie mir den Bericht per Email früher zugesandt haben, als vereinbart war“

 

Schritt 2: positives Gefühl

Wichtig ist, dass Sie auch wahrnehmen und kommunizieren lernen, welche positiven Gefühle das bei Ihnen ausgelöst hat! Mit der Äußerung der Beobachtung sprechen Sie den Kopf (die Kognition) Ihres Gegenübers an, mit der Äußerung von Gefühlen sprechen Sie die Gefühlsebene Ihres Gegenübers an. Und genau das wollen Sie auch, weil sich dann die Wirksamkeit Ihrer Wertschätzung drastisch verstärkt.

Gefühle sind unmittelbar mit dem Mitgefühl verknüpft, aus dem heraus die andere Person gehandelt hat. Selbst wenn es keine Absicht war, was der andere getan hat, so versteht er doch gefühlslogisch, dass er Ihr Leben bereichert hat und freut sich darüber. Oder sind Sie etwa deprimiert, wenn sich Ihr Lebenspartner über eine positive Überraschung freut, die Sie sich ausgedacht haben?

 

Schritt 3: erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen

Der anderen Person mitzuteilen, welche Bedürfnisse sich bei Ihnen erfüllt haben, hilft dieser Person zu verstehen, warum Sie Wertschätzung geben. Da wir alle ähnliche Grundbedürfnisse haben, versteht die andere Person intuitiv, dass Sie Ihre Wertschätzung ernst meinen, wenn Sie dass, WAS der andere getan hat mit Ihren Bedürfnissen in Verbindung bringen. So wird Ihre Wertschätzung glaubwürdiger und verlässlicher und erhöht dadurch nochmals ihre Wirksamkeit.

Die Reihenfolge der 4 Schritte ist egal. Wie Sie in den nachfolgenden Beispielen sehen werden, ist jede Reihenfolge möglich. Auch ist es richtig, wenn Sie Ihre Wertschätzungsäußerung an die andere Person anpassen: was kann der andere auch annehmen, empfangen? Menschen mit einem negativen Selbstbild tun sich schwer, Wertschätzung anzunehmen, weil sie sich selbst nicht besonders wertschätzen.

Oder Ihre Wertschätzungsäußerung überrascht die anderen, weil diese Sie nicht so kennen. Auch das erregt natürlich erst einmal Befremden oder sogar Misstrauen. Lassen Sie sich dadurch nicht entmutigen. Mit der Zeit werden Sie die 4 Schritte der Wertschätzung in Ihren eigenen Sprachstil umformen, mal lassen Sie Schritte weg oder passen diese sprachlich so an, dass dem anderen gar nicht auffällt, was Sie gerade tun.

Wichtiger als die richtige Methode oder Technik ist – wie bereits gesagt – Ihre eigene innere Haltung. Haltung schlägt Methode! Deshalb muss auch nicht immer viel gesagt werden, manchmal genügt ein anerkennender Blick, eine Geste, ein Schulterklopfen. Doch lassen Sie sich nicht täuschen: Wort sind sehr machtvoll! So sie denn ehrlich gemeint, authentisch sind!

 

Beispiele für Wertschätzung

 

Beispiel 1:

„Ich freue mich darüber, dass du es möglich gemacht hast, bei diesem Meeting dabei zu sein, obwohl dein Terminkalender schon gefüllt war. Es hilft mir sehr, wenn wir vollzählig sind, weil ich dann diese wichtigen Informationen zeitnah an alle persönlich weitergeben kann, damit keine Missverständnisse entstehen und wir sofort gemeinsam auf die neue Situation reagieren können. Danke dafür, dass du dabei bist!“

Können Sie die 4 Schritte erkennen? Unterstreichen Sie sie doch mal …

 

Hier die Auflösung:

„Ich freue mich (positives Gefühl) darüber, dass du es möglich gemacht hast, bei diesem Meeting dabei zu sein, obwohl dein Terminkalender schon gefüllt war (Beobachtung). Es hilft mir (erfülltes Bedürfnis, allgemein = Unterstützung) sehr, wenn wir vollzählig sind, weil ich dann diese wichtigen Informationen zeitnah an alle persönlich weitergeben kann, damit keine Missverständnisse entstehen und wir sofort gemeinsam auf die neue Situation reagieren können (erfülltes Bedürfnis/persönlicher Nutzen, konkret). Danke (Danke) dafür, dass du dabei bist!“

 

Beispiel 2:

„Danke dafür, dass du mein Notebook mitgebracht hast. Dann brauch ich ja gar nicht mehr in mein Büro zu laufen. (Lächel).“

Können Sie die 4 Schritte erkennen? Unterstreichen Sie sie doch mal …

 

Hier die Auflösung:

Danke (Danke) dafür, dass du mein Notebook mitgebracht hast (Beobachtung). Dann brauch ich ja gar nicht mehr in mein Büro zu laufen (erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen = z. B. Entspannung, Erholung, Zeitersparnis; hier ist das Bedürfnis nicht so explizit sichtbar, aber manchmal ist das auch nicht so wichtig). (Lächel) (positives Gefühl; nicht versprachlicht, aber sichtbar).“

 

Beispiel 3:

„Sie haben alle Aufgaben in der vorgegebenen Zeit sachlich korrekt erledigt und dabei auch noch die Ergebnisse im Überblick im Excel-Sheet dargestellt. Das war mehr als ich erwartet habe. Das freut mich, weil mir das zeigt, das ich mich auf Ihr Engagement verlassen kann, und Verlässlichkeit ist mir persönlich sehr wichtig. Vielen Dank!“

Können Sie die 4 Schritte erkennen? Unterstreichen Sie sie doch mal …

 

Hier die Auflösung:

„Sie haben alle Aufgaben in der vorgegebenen Zeit sachlich korrekt erledigt und dabei auch noch die Ergebnisse im Überblick im Excel-Sheet dargestellt (Beobachtung). Das war mehr als ich erwartet habe (Kopfkino). Das freut mich (positives Gefühl), weil mir das zeigt, das ich mich auf Ihr Engagement verlassen kann (erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen), und Verlässlichkeit (erfülltes Bedürfnis, persönlicher Nutzen)ist mir persönlich sehr wichtig. Vielen Dank! (Danke)“

 

Vielen Dank für Ihr Interesse, liebe Leserin und lieber Leser. Bitte schreiben Sie Ihre Gedanken, Kommentare, Anregungen oder Fragen zu diesem Artikel gerne als Feedback in unseren Blog: http://www.ohlmer-consulting.de/blog/ . Oder schicken Sie mir eine Email: ohlmer@ohlmer-consulting.de

Ich freue mich auf einen anregenden Austausch!

Herzlichst, Ihr Michael Ohlmer

 

Entscheidungen im Blindflug?

8 Tipps, die wichtig sind, um gute Entscheidungen zu treffen

Hallo, liebe Leserinnen und Leser.

Heute geht es um ein wichtiges Thema für uns alle: wie treffe ich im Leben gute Entscheidungen.

Unsere Vorstellung davon, wie Entscheidungen zustande kommen, weichen leider erheblich von der Wirklichkeit ab. Man könnte sagen, wir leben in der Illusion, unsere Entscheidungen wären das Endprodukt unseres bewussten Nachdenkens. Das dem nicht so ist und wie es statt dessen abläuft, lest Ihr hier im Blog-Beitrag. Und am Ende findet Ihr ein paar wichtige Tipps, wie Ihr trotzdem das Beste aus der Situation machen könnt – versprochen!

Viel Spaß damit und danke für Eure eigenen Gedanken, Kommentaren, Anregungen und Fragen hierzu. Ich freue mich auf einen spannenden Austausch.

Herzlichst, Euer Michael Ohlmer

eBook für 3,99€ zum Download


Los geht’s:

Ich habe einen Schwager, der genau weiß, wie die Welt funktioniert. Egal, welches Thema man anschneidet, mein Schwager weiß Bescheid. Ich gebe zu, dass mich diese „Anmaßung“ früher oft geärgert hat. Wie kann er, ein „einfacher“ Handwerksmeister, glauben, er wäre klüger als die ganzen Experten dieser Welt, die hochdekoriert mit wissenschaftlichen oder öffentlichen Auszeichnungen durchs Leben gehen?

Heute weiß ich es besser: mein Schwager hat Recht. Oder anders gesagt, er hat nicht weniger Recht als irgendjemand sonst auf der Welt – weil keiner von uns sagen kann, was wahr ist, sondern jeder nur in seiner eigenen subjektiven Wirklichkeit lebt und alles aus genau dieser Perspektive wahrnimmt und deutet, sich also jeder seine eigene Welt konstruiert.

Du glaubst mir nicht? Nun, dann schau dir bitte mal das Video von Richard Wiseman, „The Colour Changing Card Trick“ an:

Investiere 02:43 Minuten deiner Zeit, diese Minuten werden dein Leben verändern. Bis gleich …

 

Ach ja, hier weiter zu lesen ohne vorher das Video anzuschauen bringt jetzt wirklich nichts. Du kannst ja heute Abend oder morgen das Video anschauen und dann weiterlesen, wenn du jetzt keine Zeit oder Lust hast.

 

Die „bittere Wahrheit“

Und, habe ich zu viel versprochen? Wie viele Farbänderungen hast du gesehen? Als ich das erste Mal dieses Video gesehen habe, bin ich aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Bei jeder „Enthüllung“ musste ich heftiger lachen. Wie erklärst du dir, was dort passiert? … Ok, du hast halt auf die Karten geachtet. Doch welche Erkenntnis folgt daraus? Denk nach!

… Richtig, du nimmst nur wahr, worauf du achtest! Das stimmt. Doch wer oder was hat darüber entschieden, worauf du achtest, oder anders ausgedrückt: wo du mit deiner Aufmerksamkeit warst? Hast du dich bewusst entschieden, nur auf die Karten, aber nicht auf die T-Shirts der beiden Personen oder die Tischdecke oder den Wandhintergrund zu achten?

Ich vermute mal: Nein! Diese Entscheidung trifft dein Unterbewusstsein für dich, ohne dein bewusstes Denken einzubeziehen.

Bewusstseinsforscher gehen heutzutage davon aus, dass mehr als 95% aller unserer Entscheidungen unterbewusst getroffen werden. WOW!!!

Der Prozess der Entscheidungsfindung und -umsetzung läuft in etwa so:

 

falsche Annahme:

etwas bewusst wahrnehmen (Informationsaufnahme)
—> über etwas bewusst nachdenken (Informationsverarbeitung)
—> bewusst entscheiden, ob wir etwas tun und was (Informationsverarbeitung und Energiemobilisierung)
—> vorsätzlich handeln

 

richtige Annahme:

etwas unterbewusst wahrnehmen (Informationsaufnahme)
—> etwas unterbewusst bewerten (relevant/irrelevant; gefährlich/sicher) (Informationsverarbeitung)
—> unterbewusst entscheiden, ob wir etwas tun und was (Informationsverarbeitung und Energiemobilisierung)
—> handeln
—> nachträglich rationalisieren (mit dem Verstand eine Erklärung suchen), warum wir so gehandelt haben

 

Wie entsteht unsere Wirklichkeit?

Warum ist das so? Der entscheidende Punkt ist der, dass die „neue“ Information, die wahrgenommen wird, nicht auf eine neutrale Instanz in unserem Gehirn trifft, wo sie neutral verarbeitet würde. Dein Gehirn besteht aus einem gigantischen Netzwerk von miteinander verknüpften Nervenzellen (ca. 100 Milliarden Gehirnzellen, die jeweils mit ca. 5000 anderen Gehirnzellen über sogenannte Synapsen verbunden sind).

Dieses Netzwerk ist durch frühere Erfahrungen entstanden. Immer wenn etwas für dich Neues passiert, entscheidet das Gehirn, wie es damit umgeht, ob es sich kümmert und was es damit macht – ohne, dass du davon irgend etwas mitbekommen würdest. Das läuft vollkommen unbewusst ab. Du lernst permanent, um besser überleben zu können und mehr Lust als Schmerz zu erleben.

Jedesmal, wenn du etwas lernst, verknüpfen sich Nervenzellen miteinander und es entsteht ein erweitertes Netzwerk. Ok, ca. 50% an Verknüpfungen hast du schon mit auf die Welt gebracht, dein evolutionäres und kollektives Erbe sozusagen. Doch der Mensch ist das Säugetier mit dem höchsten Lernanteil, weil du dadurch viel flexibler auf eine sich verändernde Umwelt reagieren kannst.

Da dein Gehirn sich nicht um alles kümmern kann, was außerhalb des Gehirns vor sich geht, versucht es, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Es verbraucht so schon ca. 25% des gesamten Energiehaushalts des Körpers – und das bei gerade mal ca. 1,5 Kilo Eigengewicht. Wie macht es das? Es entscheidet als erstes, ob das, was „da draußen“ passiert für dich relevant ist, in Bezug auf deine Sicherheit und dein Wachstum. Dafür benutzt es die Informationen, die es bisher schon gespeichert hat. Der Bezugspunkt, ob du Information wahrnimmst oder nicht, liegt also nicht im Außen, sondern innen drin in deinem Gehirn, in den Schaltkreisen, die sich in der Vergangenheit gebildet haben.

Wenn von „drinnen“ nicht das Signal kommt: „ja, könnte wichtig sein“, dann nimmst du die äußere Information erst gar nicht wahr. Und folglich denkst du auch nicht darüber nach und triffst keine bewusste Entscheidung, ob und wie du auf die Information reagierst. Dein Gehirn hat dir diese Entscheidung bereits zu Beginn des Prozesses abgenommen, nur leider vergessen, deinem bewussten Denken Bescheid zu sagen. 

 

Warum trickst uns unser Gehirn aus?

Das hört sich ja ziemlich kontraproduktiv an. Doch bei genauerer Betrachtung macht das Ganze Sinn. Das Gehirn versucht, so viele Prozesse wie möglich zu automatisieren, denn alles was automatisiert ist, kann schneller ablaufen. Wir können handeln ohne erst nachdenken zu müssen.

Wenn sich bei dir, wo du gerade sitzt und diese Zeilen liest, plötzlich die Eingangstür öffnet und ein Tiger hereinspaziert, welche Fragen wären dann sinnvoll zu ergründen? Seit wann Tiger solche Türen öffnen können? Ob der Tiger vielleicht aus einem in der Nähe gastierenden Zirkus oder aus dem Zoo ausgebrochen ist? Ob der Tiger 5 oder 6 schwarze Streifen auf seinem Fell hat und demzufolge ursprünglich aus Sumatra oder Bangladesh kommt?

Ich glaube, die einzigen Fragen, die jetzt relevant wären, wären Fragen wie: wo ist das nächste Fenster oder eine weitere Tür? Oder: wer ist mit mir hier im Raum, den ich zwischen mich und den Tiger schieben kann? Denken dauert manchmal einfach zu lange, nämlich immer dann, wenn es darum geht, schnell einer großen Gefahr zu entkommen.

 

Warum akzeptieren wir dann nicht einfach unsere Begrenztheit?

Die automatisierte Informationsverarbeitung findet im wesentlichen in den evolutionär älteren Gehirnregionen, dem Stammhirn und dem Limbischen System statt. Dort geht es wie gesagt in erster Linie um das Überleben. Unsere jüngste evolutionäre Errungenschaft ist jedoch unser Großhirn. Die Beschaffenheit und Funktionalität dieses Gehirnbereichs ist das, was uns von den anderen Säugetieren geistig unterscheidet: wir sind uns unserer selbst bewusst.

Evolutionär gesehen sind wir in dem Maße entwickelt, wie unser Bewusstsein entwickelt ist. Wir brauchen unser bewusstes Wahrnehmen und Denken, Bewerten und Entscheiden, weil unsere Welt immer komplexer wird. Wenn es nur um „Freund oder Feind“, „schwarz oder weiß“, „ja oder nein“ geht, dann müssen wir nicht viel nachdenken, das erledigt unser Unterbewusstsein für uns.

Wenn es jedoch darum geht, feinere Unterschiede zu bilden, die „Grautöne“ in einer Situation wahrzunehmen, nicht „alles über einen Kamm zu scheren“ – dann brauchen wir möglichst viel Bewusstsein.

Die spannende Frage ist nun: wie nutzen wir unter den gegebenen Ausgangsvoraussetzungen unser Gehirn möglichst effektiv, um das Beste aus jeder Situation herauszuholen – oder anders gesagt:

wie werden wir von Gehirnbesitzern zu Gehirnbenutzern?

 

Der Weg zu guten Entscheidungen

Was kannst du also tun, um nicht unbewusst mit Gehirnwindungen aus der Vergangenheit Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft zu treffen? Wie gelingt es dir, eine möglichst bewusste Wahl unter Berücksichtigung aller Fakten zu treffen?

 

Tipp 1: Akzeptiere, dass du nicht die Wirklichkeit wahrnimmst, sondern selbst erzeugst.

Jeder lebt in seiner eigenen, subjektiv erzeugten Wirklichkeit. Natürlich gibt es ausreichend viele ähnliche Erfahrungen, die wir  mit unseren Mitmenschen teilen, sodass wir in der Lage sind, uns auf bestimmte „Wirklichkeitssichten“ zu einigen und davon ausgehend gemeinsam handeln können.

 

Tipp 2: Identifiziere dich nicht mit deiner Wahrnehmung und Deutung der Situation.

Entwickle Achtsamkeit. Achtsamkeit meint, innerlich zu beobachten, was du wahrnimmst und wie du das deutest. Dabei bleibst du jedoch neutral, d. h. du identifizierst dich nicht mit deiner Wahrnehmung und deinen Deutungen, sondern bist dir bewusst, dass andere Menschen in der gleichen Situation anders wahrnehmen und deuten könnten. Warum? Weil sie andere Lernerfahrungen gemacht und daher andere Verknüpfungen von Nervenzellen im Gehirn haben, die ihre Wahrnehmung und Deutung dementsprechend anders steuern.

 

Tipp 3: Bejahe „Unterschiedlichkeit“

Konrad Adenauer soll mal gesagt haben: „Wenn zwei Menschen im Raum das selbe denken, ist einer überflüssig.“ Anstatt also dagegen anzukämpfen, wenn andere Personen andere Meinungen haben oder aufgrund ihrer Wahrnehmung der Situation zu anderen Schlussfolgerungen gelangen (Deutungen), solltest du andere ermutigen, Dinge anders zu sehen als du selbst.

 

Tipp 4: Wechsle die Perspektive

Versuche dich in die Sichtweise der anderen hineinzudenken und die Welt durch ihre Brille zu sehen. Wie müsstest du gucken, um sehen zu können, was sie sehen? Stelle lieber Fragen, die dir dabei helfen, die Sichtweise der anderen besser erfassen und verstehen zu können anstatt zu argumentieren, warum deine Sichtweise die Richtige ist. Das Motto ist: erst verstehen, dann verstanden werden.

 

Tipp 5: Denke in Alternativen

Dieser Ansatz wurde von Edgar de Bono auch „Laterales Denken“ genannt. Das meint, in die Breite zu denken statt immer tiefer zu bohren. Wie könnte man die Situation noch interpretieren? Welche Annahme wäre auch plausibel? Wie müsste man über das selbe anders nachdenken, um andere Erkenntnisse zu gewinnen?

 

Tipp 6: Höre auf deine Intuition

Deine Intuition ist der Vermittler zwischen deinem Bewusstsein und deinem Unterbewusstsein, manchmal auch deinem höheren Bewusstsein. Viele nennen die Intuition auch „Bauchgefühl“. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass es so etwas wie Herzintelligenz gibt. Vertrau auf deine innere Stimme und beziehe Ahnungen, Gefühle und Eingebungen in deine Entscheidungen ein.

 

Tipp 7: Hole dir Feedback

Triff nach Möglichkeit in wichtigen Angelegenheiten nur vorläufige Entscheidungen und hole dir hierzu von anderen Personen Feedback, was sie von dieser Entscheidung halten. Höre aufmerksam zu, diskutiere nicht und rechtfertige dich nicht. Versuche zu lernen statt zu Wissen.

 

Tipp 8: Denke konsequent bis zum Ende

Hinterfrage die Konsequenzen deiner Entscheidung. Wenn ich A entscheide, was folgt daraus für wen? Wer wird wie von dieser Entscheidung betroffen sein? Und was passiert dann? Ein häufiger Fehler (siehe negative Entscheidungen in der Wirtschaft und Politik) besteht darin, nicht die Kette von Konsequenzen bis zu Ende durchdacht zu haben, sondern auf halbem Weg zufrieden gewesen zu sein.

 

Ich hoffe, ich konnte dir einige Anregungen zum Thema „Entscheidungen treffen“ mitgeben. Ich freue mich auf diene Rückmeldungen :-).

Feedback – Urteil oder Botschaft?

Wie du durch Feedback bekommst, was du brauchst

Hallo, liebe Blog-Leserinnen und Blog-Leser.

Heute geht es um ein Thema, dass mich seit langem intensiv beschäftigt. Als Berater, Trainer und Coach in der Wirtschaft habe ich viele Gelegenheiten, die Denkwelt von Managern zu studieren. Einiges davon habe ich gerne übernommen, weil es mich zu eigenem Wachstum inspiriert hat, anderes halte ich für äußerst fragwürdig. Feedback ist eins dieser Themen, die meiner Meinung nach sehr einseitig betrachtet und gehandhabt werden und mindestens genauso viel Schaden wie Nutzen anrichten.

Genau darum soll es in diesem Blog-Beitrag gehen: was ist überhaupt Feedback, was unterscheidet gutes Feedback von schlechtem Feedback und wie kann man Feedback so geben, dass es zu persönlichem Wachstum und stärkerer Verbundenheit miteinander führt.

Danke, dass ich meine Gedanken hier mit Euch teilen darf. Ich bin gespannt, was Ihr dazu zu sagen habt. Bitte schreibt Eure eigenen Gedanken, Kommentare, Anregungen und Fragen in den Blog. Ich freue mich auf einen spannenden Austausch.

Herzlichst, Euer Michael Ohlmer

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 Ich möchte mit einer eigenen Geschichte beginnen:

„Warum bist du nur so hart?!“

Ich sitze im Auto mit meinen beiden amerikanischen Ausbildern in Achtsamkeit. Wir haben gerade fünf Tage gemeinsam mit neun weiteren Ausbildungsteilnehmern auf einer kleinen Finca in Südspanien verbracht und ich fahre Dr. Joel und Michelle Levey zu einem Treffpunkt an der Hauptstraße, von wo sie zum Flughafen gefahren werden, um weiter zu reisen.

Wir schweigen, wie wir das während der fünf Tage mit viel Meditation oft getan haben. Plötzlich eröffnet Michelle das Gespräch mit den Worten: „Dürfen wir dir noch etwas sagen, Michael?“ Ich bin überrascht, weil die Frage sehr förmlich klingt, doch antworte: „Natürlich, worum geht’s?“ Michelle: „Es geht darum, wie du gestern Mittag am Tisch deine Meinung dazu geäußert hast, ob wir die nächste Ausbildungswoche wieder hier in der Finca machen sollen oder uns einen anderen Ort suchen.“

Oha, mir schwant etwas. Dazu muss ich ergänzen, dass unsere Ausbildung eine European Learning Expedition ist. Es nehmen insgesamt 10 Personen aus verschiedenen Ländern, nämlich England, Schweden, Spanien und Deutschland, daran teil. Und einer der Auszubildenden bewirtschaftet eine kleine Finca und hat uns die Finca für den Ausbildungsblock, den wir gerade hinter uns haben, vermietet.

„Weißt du,“ fährt Michelle fort, „es war ja okay, dass du gesagt hast, dass es dir hier nicht gefallen hat und du lieber die nächste Ausbildungswoche woanders hättest, aber die Art, wie du das gesagt hast, das fanden wir nicht in Ordnung!“ „Genau,“ stimmt Joel zu, “das war so nicht richtig.“ „Das kam so hart rüber,“ ergänzt Michelle, „das hat Tom (Name geändert) verletzt.“

Kleiner Sprung: wenn Du das so liest, was bisher im Auto gesagt wurde, wie hättest Du Dich an meiner Stelle gefühlt?

Ich vermute, dass jeder Leser etwas anders reagiert hätte. Doch weiter in der Geschichte …

In mir kamen sehr unterschiedliche Gefühle und Gedanken hoch. Ein Gefühl war Empörung, ein anderes Scham, ein drittes Wut. Meine Gedanken: „Warum mischen die beiden sich überhaupt ein? Wenn Tom mir das gesagt hätte, ok, aber Joel und Michelle?“ – „Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?! Immer haben die beiden mich auf dem Kieker!“ – „Ok, das weiß ich auch, dass das komisch rüberkam und es ist mir selber peinlich.“ – „Ich finde es ungerecht, dass sie Tom in Schutz nehmen, mich aber nicht. Ist Tom etwa besser als ich oder haben sie ihn lieber?“

 

Schauen wir uns den Vorfall jetzt einmal genauer an

Ich weiß nicht, was sich in Dir abgespielt hätte, aber ich glaube nicht, dass ich so untypisch bin, dass nicht der eine oder andere Gedanke oder eines der beschriebenen Gefühle auch in anderen Menschen hochkommt, wenn sie sogenanntes kritisches oder negatives Feedback gekommen.

Was genau wollten Joel und Michelle mit ihrem Feedback erreichen? Ich vermute mal, dass ich einsehe, dass ich mich falsch verhalten habe und mein Verhalten zukünftig ändere. Vielleicht auch, dass ich mich bei  Tom entschuldige.

Vielleicht hätte das bei jedem von Euch, die Ihr das hier gerade lest, so gewirkt – bei mir jedenfalls nicht. Bei mir hat dieses Feedback bewirkt, dass ich etwas Vertrauen in Joel und Michelle eingebüßt habe – und dass ich umso motivierter bin, diesen Beitrag hier zu schreiben ;-).

Auf mich hat das Ganze nicht wie ein liebevoller, gut gemeinter, freundschaftlicher Hinweis gewirkt, sondern wie eine Gerichtsverhandlung ohne Anhörung des Beschuldigten. Meine Schuld – das unpassende Verhalten – stand für Joel und Michelle schon fest, ohne dass sie mich vorher gefragt hätten, wie ich die Situation erlebt habe und, angenommen es wäre mir selbst auch etwas unpassend vorgekommen, was mich dazu bewegt hat, es so zu sagen, wie ich es getan habe?

Für mich stecken in dieser Geschichte zwei überaus spannende Fragen:

  1. Warum geben wir überhaupt Feedback, was bezwecken wir damit?
  2. Welche Berechtigung haben wir, kritisches Feedback zu geben?

 

Warum geben wir Feedback?

Eine oft zu hörende Begründung ist: „Ich muss ihm doch sagen, was er falsch gemacht hat, sonst kann er sich ja nicht ändern!“ Stimmt das so?

Einerseits JA:

Ohne Feedback können wir nicht lernen. Alles, was uns widerfährt, gibt uns Information darüber, in welchem Zustand wir uns befinden und wie wir uns in der Welt bewegen. Wenn wir uns an der Tischecke stoßen, lernen wir durch den Schmerz, dass die Tischplatte härter ist als unsere Oberschenkelmuskulatur und wir besser Abstand halten. So gesehen ist jedes Feedback positiv, egal in welcher Form oder mit welcher Absicht es gegeben wird.

Das ist der Grund dafür, warum wir jedes Feedback ein Stück annehmen und schätzen sollten und, wenn es von unseren Mitmenschen kommt, als deren Liebesbeweis und eigene Wachstumschance interpretieren können.

Virginia Satir, eine von mir sehr geschätzte amerikanische Psychotherapeutin, hat dazu gesagt: „Alles probieren, aber nur runterschlucken, was schmeckt!“

 

Andererseits NEIN:

Aber es fühlt sich oft nicht so an! Ich habe mich weder geliebt gefühlt noch verspüre ich das Bedürfnis, in der mir nahegelegten Weise zu wachsen. Jetzt könnte man sagen: das liegt daran, dass ich uneinsichtig und widerspenstig bin – und undankbar noch dazu. Selbst wenn das zuträfe, bleibt doch die Frage: macht es Sinn, einem anderen Gutes zu tun, wenn er sich dabei persönlich verletzt und gekränkt fühlt?

Ich habe an dieser Stelle noch einen anderen Satz im Ohr, weiß aber nicht mehr, von wem der kommt:

„Wenn es verletzt, ist es keine Liebe.“

 

Als Kontrast zur ersten Geschichte möchte ich noch eine zweite Geschichte aus meinem Leben erzählen. Auch hier bekomme ich sogenanntes negatives Feedback, doch es wirkt ganz anders auf mich.

 

„Das hast du ja toll geblufft!“

Ich habe mich in der Schule meistens unwohl gefühlt. Daher habe ich in der Oberstufe nur die Mindestanzahl von Kursen gebucht, die nötig waren, um zur Abiturprüfung zugelassen zu werden. Mein viertes Abiturfach ist Pädagogik. Meinen Wissenstand vor der mündlichen Prüfung kann man mit gutem Gewissen als äußerst lückenhaft bezeichnen.

Am Tag vor der mündlichen Prüfung sitze ich bei uns im Garten und habe zwei dicke Ordner mit den behandelten Themen der letzten 3 Jahre vor mir. Nicht das Ihr meint, ich hätte fleißig alles gesammelt und ordentlich abgeheftet, nein, die Ordner habe ich mir von einem Schulkameraden geliehen, der bei mir im Kurs ist, aber selber keine Prüfung macht.

Ich sitze also da und denke: „Puh, das ist viel zu viel, das kann ich niemals alles durcharbeiten.“ Ein sicherlich vernünftiger Gedanke! In meiner Not ziehe ich blind zwei Seiten aus einem der beiden Ordner – und lerne diese auswendig. Am nächsten Tag sitze ich gespannt wie ein Flitzebogen in der Prüfung. Obwohl ich keine Lust zum Lernen hatte, will ich gute Noten bekommen, weil ich weiß, dass der Abiturdurchschnitt darüber entscheidet, was ich später einmal studieren kann. Und weil ich gerne ein Sieger bin ;-).

Ich kann mein Glück kaum fassen, als der Prüfer, mein Kurslehrer, das Prüfungsthema vorliest: es ist genau das, was ich zufällig gestern auswendig gelernt habe.Wow, denke ich, die Chance darf ich mir nicht vermasseln. Ich tue ganz cool und antworte auf die Fragen der Prüfer nicht so, als wenn ich das erfragte Wissen „auf Halde“ habe und einfach nur abrufe, nein, ich tue so, als wenn ich in diesem Moment über die Sache selbständig nachdenke und quasi wie aus dem Nichts geniale Ideen entwickle. Meine Prüfer sind ganz begeistert und ich bekomme am Ende eine 1+, volle Punktzahl. Geschafft!

Abends findet eine Abiturparty statt. Ich gehe mit immer noch vor Stolz geschwellter Brust dorthin. Es sind noch nicht viele Leute da und ich schau mich erst mal so um. Plötzlich begegnet mir einer der Prüfer der Pädagogikprüfung von heute Vormittag. Es ist nicht mein Lehrer, sondern einer der Beisitzer, der Lehrer aus dem Leistungskurs. Er lächelt mich an und sagt: „Na, da hast du ja toll geblufft heute!“ Und geht an mir vorbei weiter in seine Richtung.

Ich bin total baff, wie schockgefroren, kann erst mal keinen weiteren Schritt machen, sondern stehe einfach nur so da. Ich dachte, meine Show wäre super gewesen und keiner hätte es geblickt, dass ich geschauspielert habe. Und dann das! Der hat mich ja total durchschaut.

Bist Du noch dabei? Wie hättest Du Dich an meiner Stelle gefühlt?

Ich war wie gesagt total geschockt und bin auch nicht mehr lange auf der Party geblieben – die Lust war mir gründlich vergangen. Ich habe mich geschämt und mies gefühlt. Und trotzdem, aus diesem negativen Feedback habe ich eine der wichtigsten Lehren und Vorsätze für mein weiteres Leben gezogen:

Ich möchte nicht mehr schauspielern, ich will authentisch sein!

Was ist nun der Unterschied zwischen den beiden Feedback-Situationen, die ich hier mit Euch geteilt habe?

 

Feedback, das zwar schockiert, aber nicht verletzt

Der Hauptunterschied für mich ist: ich habe mich durch das Feedback des Pädagogiklehrers nicht verurteilt gefühlt, zwar schmerzhaft durchschaut, aber nicht abgewertet. Es war hart, so in den eigenen Abgrund zu schauen, aber auch hilfreich, mich selbst deutlicher zu sehen. Ich fühlte mich durch das zweite Feedback gespiegelt, aber nicht getadelt. Dazu fällt mir ein Spruch aus dem Change-Management ein: „Keiner hat etwas gegen Veränderung – aber niemand möchte von außen verändert werden.“

Das Vertrauen zu dem Pädagogiklehrer hat nicht gelitten, im Gegenteil! Obwohl er mich schon in der Prüfung durchschaut hatte, hat er mir dort keinen „reingewürgt“. Es wäre sicherlich für ihn ein Leichtes gewesen, mich in der Prüfung vorzuführen und zu demaskieren – hat er aber nicht getan. Das hat mein Vertrauen zu ihm enorm gestärkt – und umso bereiter war ich, durch seine Botschaft an mich zu lernen, sein Feedback als Wachstumschance zu nutzen.

Und das, obwohl ich den Lehrer kaum kannte, also nicht schon vorher eine positive Beziehung zu ihm gehabt hätte. Im Gegenteil, ich habe immer ein etwas mulmiges Gefühl gehabt, wenn ich diesem Lehrer durch Zufall irgendwo begegnet bin und mich immer in sicherer Entfernung zu ihm gehalten.

Mit anderen Worten: dieser Pädagogiklehrer hat mit seiner Art Feedback zu geben viel mehr von dem bewirkt, was meine Achtsamkeitslehrer vielleicht bewirken wollten: Selbstreflexion und Verhaltensänderung. Erstaunlich, nicht wahr?

 

Was lernen wir daraus?

Hier kommt Frage zwei ins Spiel: Welche Berechtigung haben wir, kritisches Feedback zu geben?

Letztendlich kommunizieren wir, um etwas zu geben oder etwas zu bekommen.

Etwas bekommen wollen meint, dass ich mir vom anderen wünsche, er möge dazu beitragen, dass sich meine Bedürfnisse erfüllen. Lass Dir diesen Satz noch einmal auf der Zunge zergehen: ich möchte, dass der andere dazu beiträgt, dass sich meine Bedürfnisse erfüllen.

Alles, was uns im Leben antreibt, irgend etwas zu tun oder zu lassen, hat unterschwellig damit zu tun, dass wir versuchen, uns oder anderen wichtige Bedürfnisse zu erfüllen. Das klingt etwas egoistisch, ist es aber nicht. Die meisten Bedürfnisse, die ich kenne, sind soziale Bedürfnisse: es braucht immer ein Gegenüber, damit sich für beide Personen etwas erfüllen kann. So wie wir das Bedürfnis nach Unterstützung haben, so haben wir gleichzeitig das eigene Bedürfnis, auch anderen zu helfen. Wir sind als Menschen soziale Wesen und tragen ursprünglich alle die Veranlagung und die Bereitschaft in uns, mit anderen Wesen mitzufühlen und zu ihrem Wohl beizutragen. Wenn ich dir helfe, hilft das gleichzeitig auch mir!

Kritisches Feedback wäre, aus dieser Perspektive betrachtet, eine mehr oder weniger geschickt verpackte Bitte um Unterstützung: wenn du „A“ machst, hilft mir das nicht, mein Bedürfnis nach „C“ erfüllt zu bekommen. Bist du bereit, „B“ zu machen, damit sich mein Bedürfnis nach „C“ erfüllen kann?

 

„Uns in unserer Bedürftigkeit zeigen“

Die Antwort, wie ich Feedback als Bitte formuliere zur Unterstützung der Erfüllung meiner Bedürfnisse, ist inhaltlich stimmig, doch: das ist leichter gesagt als getan. Da fällt es schon leichter zu sagen: hier geht es doch gar nicht um meine Bedürfnisse! Sondern um die Abteilungsziele, die öffentliche Ordnung etc. Doch stimmt das?

Firmen, Abteilungen, Gesellschaften als abstrakte Größe (Entität) haben keine Bedürfnisse. Es sind immer die Menschen, die in der Firma arbeiten oder der Gesellschaft leben, die Bedürfnisse haben. Bedürfnisse verbinden uns mit unserer Lebendigkeit, ignorieren wir sie, sterben oder verkümmern wir. Wenn wir Nahrung brauchen und nicht essen, wenn wir Nähe und Zuneigung brauchen und so tun, als wären uns alle anderen egal, immer dann, wenn wir so tun, als hätten wir keine Bedürfnisse, entfremden wir uns von uns selbst und werden ein Stück unlebendiger.

Es geht uns immer auch um die Erfüllung eigener, persönlicher Bedürfnisse, niemals nur um die Sache.

Wenn ich meinen Kindern sage, sie sollen nicht auf der Straße spielen, geht es mir um mein Bedürfnis, für die Sicherheit meiner Kinder zu sorgen. Das anspringt meinem Bedürfnis nach Fürsorge. Wenn ich als Führungskraft durch mein kritisches Feedback für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften eintrete, entspringt das meinem Bedürfnis nach Fürsorge für den Mitarbeiter und seine Kollegen und vielleicht meinem Bedürfnis, als Führungskraft einen guten Job zu machen, den Respekt der anderen Mitarbeiter zu bekommen und meine Führungsautorität zu erhalten und vielleicht auch die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu bekommen oder meine Position nicht zu gefährden.

Natürlich kommt mein Bestreben, so es denn erfolgreich ist, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen, unter Umständen anderen sehr zugute – wie gesagt: die meisten Bedürfnisse, die ich kenne, sind nicht egoistisch motiviert, sondern soziale Bedürfnisse. Es geht mir in dem Sinne selten nur um mich, sondern immer auch um andere. Aber der Umkehrschluss gilt eben auch: es geht mir selten oder nie nur um andere, sondern immer auch um mich!

Kommen wir also zurück zum eigentlichen Problem: wie höre ich auf, mich hinter Sachzwängen und abstrakten Gebilden wie z. B. den Firmenzielen oder der aktuell gültigen Rechtslage zu verschanzen und als Mensch mit eigenen Bedürfnissen sichtbar zu werden, der auf die Unterstützung anderer angewiesen ist, um diese Bedürfnisse erfüllt zu bekommen? Dazu gehört Ehrlichkeit, Offenheit und Mut und die Akzeptanz der Tatsache, dass ich als Individuum verwundbar und wechselseitig abhängig bin.

 

Jetzt mal praktisch, Michael!

Nach diesem kleinen philosophischen Ausflug möchte ich zur Praxis des Feedback-Gebens kommen. Das Ziel ist eine Kommunikation, die ehrlich und direkt mein Anliegen und das damit verbundene eigene Bedürfnis zum Ausdruck bringt und den anderen offen um Unterstützung bittet.

Wenn Du jetzt sagst: „Moment mal, du redest die ganze Zeit von kritischem Feedback. Es gibt doch auch positives Feedback, oder nicht?“, dann gebe ich Dir natürlich Recht. Wenn es Dir darum geht, zu erfahren, wie man positives Feedback gibt, dann lies bitte meinen Blogbeitrag zum Thema Wertschätzung („Wie Sie in 4 einfachen Schritten die Herzen Ihrer Mitarbeiter öffnen“). Ich verstehe positives Feedback als Wertschätzung geben. Oder benutze den Prozess, den ich hier gleich zum kritischen Feedback geben erläutere und ändere einfach Schritt 4 (erfährst Du gleich) um, indem Du statt einer Bitte Deinen Dank äußerst. ;-).

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg

So wie ich das Thema positives Feedback (Wertschätzung geben) inhaltlich bereits an die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg angelehnt habe, so möchte ich das auch mit negativem oder kritischem Feedback tun.

 

Beispiel 1:

Gehen wir mal gemeinsam ein konkretes Beispiel durch. Angenommen unser Nachbar macht nach dem Herbststurm sein Laub nicht weg, also das Laub, das von den Bäumen herab gefallen ist und auf seinem Grundstück liegt. Ganz im Gegensatz zu Dir, der fleißig die Blätter zusammen geharkt und in der Grünen Tonne entsorgt hat. Jetzt bläst auch in den Tagen nach dem Sturm  immer noch ein kräftiger Wind, sodass sich dieses Laub auch auf Deinem Grundstück verteilt.

Wenn man das ganze als Prozess betrachtet, also als eine Abfolge von aufeinander folgenden einzelnen Schritten oder Momenten, was passiert als erstes?

 

Schritt 1 – Beobachtung:

Richtig, Du nimmst es wahr. Es fällt Dir plötzlich auf. Ey, denkst du vielleicht, hoppla, das ganze Laub verteilt sich vom Nachbargrundstück auf mein/unser Grundstück. Und Du denkst: „Wieso macht der Kerl sein Laub nicht weg?“

Halt, stopp, das war ja gar nicht nur Deine Wahrnehmung, die ich hier stellvertretend für Dich aufgeschrieben habe! Erstens hast Du nicht wahrgenommen, wie sich das Laub verteilt hat, sondern nur, dass es jetzt verteilt ist. Zweitens: was meint „das ganze Laub“? Guck noch einmal genauer hin. Liegt jetzt wirklich gar kein Laub mehr beim Nachbarn selbst, sondern nur noch alles bei Dir? Wenn beim Nachbarn selbst auch noch Blätter liegen – warum sagst Du dann „das Ganze Laub“?

Ok, ich habe Dir ja die Worte in den Mund gelegt, aber spielt es sich „im richtigen Leben“ nicht oft genauso ab? Ich will damit nur andeuten, dass wir oft gedanklich verallgemeinern und übertreiben, ohne das selber mitzukriegen. Wenn Du dann so kommunizierst, hat das aber eine andere Wirkung, als wenn Du Dich streng an die Fakten hältst.

Und der Gedanke: „Warum macht der Kerl sein Laub nicht weg?“ War das wirklich eine reine Frage, der Wunsch, mehr Information zu bekommen, um die Situation besser verstehen zu können? Oder steckte da auch schon ein leicht aggressiver Unterton mit drin und die Frage war eher ein versteckter Vorwurf nach dem Motto: das hätte er aber „gefälligst“ tun sollen!?

Du siehst, es ist gar nicht so leicht, einfach nur zu beobachten ohne direkt die eigene Interpretation der Situation oder die eigenen Ansprüche gedanklich mit reinzupacken. Doch was passiert, wenn Du zum Nachbarn gehst und unterschwellig aggressiv und vorwurfsvoll dein Anliegen vorbringst?

Wenn ihr ein gutes Verhältnis zueinander habt, wird er Dir vielleicht Recht geben. Wenn Ihr ein nicht so gutes Verhältnis zueinander habt, wird er vielleicht zum verbalen Gegenangriff starten: „Machst Du etwa immer sofort Deinen Garten sauber? Ich möchte nur an Eure Gartenparty im letzten Jahr erinnern. Da konnte ich bis nachts um 03:00 Uhr kein Auge zumachen und es hat eine ganze Woche gedauert, bis Ihr die letzten Reste von der Feier entsorgt hattet!“

Zu dumm, der Schuss ist nach hinten losgegangen. Versuche also, Dich nicht hinreißen zu lassen, zu verallgemeinern oder zu übertreiben, sondern einfach nur die Fakten zu schildern: „Schau mal, der Sturm hat ja am Freitag eine ganze Menge Blätter von den Bäumen geweht. Ich habe dann am Samstag bei uns die Blätter weg gemacht und alles sauber gefegt. Jetzt liegen viele Blätter wieder in meinem Garten und ich frage mich, ob das vielleicht daran liegt, dass der Wind die Blätter von Deinem Grundstück zu uns herüber gepustet hat?“

Ich weiß, es gibt ein paar ganz hartgesottene Zeitgenossen, die würden Dir offenen Auges ins Gesicht lügen und alles abstreiten, egal wie offensichtlich es ist. Doch wie viele Deiner Mitmenschen sind so? Ist das nicht eher die Ausnahme? Lass uns die Ausnahmen am Ende dieses Textes behandeln, ok?

Wahrscheinlicher ist eher eine Reaktion wie: „Ja, das kann schon sein. Es sind allerdings auch noch am Samstag und Sonntag eine ganze Menge Blätter herunter gefallen, auch von Deinen Bäumen. Aber Du hast schon Recht, ich habe nicht gefegt und ein Teil der Blätter bei Dir sind von mir.“


Schritt 2: Gefühle anerkennen und ausdrücken

Wow, angenommen Dein Nachbar reagiert so positiv, dann bist Du wahrscheinlich jetzt erleichtert, oder? Du hattest womöglich mit mehr Widerstand gerechnet, weil Du Dir ausgemalt hast, dass er das bestimmt nicht einfach zugeben wird. Oder selbst wenn er es zugibt, dass er keine Lust hat, sein Laub weg zu machen und Dir sein Eingeständnis nichts nützt, weil sein Laub dann trotzdem noch in Deinem Garten liegt, richtig?

Wir sind oftmals eher misstrauisch, was die Bereitschaft der anderen Menschen angeht, uns zu helfen? Warum eigentlich? Wie oft bist Du in den letzten Wochen im Stich gelassen worden, wenn Du offen, vorurteils- und vorwurfsfrei um Unterstützung gebeten hast?

Was für Gefühle hast Du in ähnlichen Situationen wie der hier im Beispiel beschriebenen, wenn Du davon ausgehst, dass der andere Dir wahrscheinlich nicht Recht geben und Dir nicht helfen will? Ich vermute mal eher negative Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Wut. Was würdest Du wahrscheinlich fühlen, wenn Du erwartest, dass der andere Dir voll und ganz Recht gibt und gerne hilft, dass sich Deine Bedürfnisse (in unserem Beispiel die Bedürfnisse nach Sauberkeit und Ordnung, vielleicht auch nach Rücksichtnahme) erfüllen können?

 

Ich hoffe, ich konnte dir einige Anregungen zum Thema „Feedback“ mitgeben. Ich freue mich auf diene Rückmeldungen :-).


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